Unsterblich auf dem Grabstein?

25.04.2012 von Boris Springer

Das Internet hält bekanntlich ständig Neuerungen bereit. Die meisten davon erleichtern uns die Arbeit und die Kommunikation, vieles ist schneller und besser als früher. Gleichwohl gilt es Grenzen einzuhalten, die die Privatsphäre jedes Einzelnen respektieren. Erinnert sei dabei bspw. an die fatalen Bemühungen von Google und von Facebook, immer mehr Daten zu sammeln und zu vernetzen, um ein immer besseres Bild vom Nutzer (neudeutsch “User”) zu erhalten. Der Sinn und Zweck: mehr Einnahmen durch den Verkauf dieser Informationen.

Zu den Erleichterungen der neuesten Art gehören zweifellos die sogenannten QR-Codes. QR steht dabei für “quick response” – schnelle Antwort. Diese kleinen, quadratischen schwarz-weiß-Symbole finden sich z.B. in Werbeprospekten und enthalten verschlüsselte Informationen zum Produkt. Mittels internetfähigem Mobiltelefon lassen sich diese Daten aufrufen und anschauen.

Was dem Produkt zugute kommt, könnte demnächst auch Verstorbenen blühen: Informationen, verschlüsselt im QR-Code auf dem Grabstein. Hiermit kann sich der geneigte Friedhofs-Besucher Informationen zum Verblichenen im Internet ansehen.

Die Befürworter wollen die Verstorbenen “unsterblich” machen, indem sich jeder, der möchte, im wahrsten Wortsinn auch im Nachhinein ein Bild machen und Informationen abrufen kann. Fotoalben der Verstorbenen – ob in papierner Form oder digital – gehören dann vielleicht der Vergangenheit an, denn ein Besuch am Grab liefert sämtliche Informationen. Fest steht, dass sich die Friedhofs-Verwaltungen auf Dauer den neuen Medien nicht verschließen können, doch wann ist die Grenze zu Pietät und zum Datenschutz erreicht? Welche Daten, welche Fotos sind dort abrufbar? Oder wird hier vielleicht sogar auf rechtswidrige Inhalte verwiesen? Wie bei jeder Neuerung gilt es nicht nur den Nutzen und potenziellen Schaden abzuwägen, sondern auch den individuellen Umgang zu überdenken.

Und schließlich besteht noch die Grundsatzfrage, ob der verstorbene Mensch das gewollt hat oder gewollt hätte? Sind dessen persönlichen Wünsche tatsächlich respektiert und wird auch nach seinem Tod wertschätzend und menschenwürdig gehandelt?

Herzlichst
Ihr
Boris Springer

PS: Unten haben Sie die Möglichkeit, Ihre Meinung zu dieser Kolumne zu äußern. Ich freue mich auf Ihre Beiträge.

Lesen Sie nächste Woche: Teure Schnäppchen?

Foto: www.pixelio.de; Fotograf: Terramara

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