Sitt und satt

27.08.2014 von Boris Springer

Sprachen waren sowohl die Voraussetzung für die menschliche Entwicklung an sich als auch für unsere große kulturelle Vielfalt. Dabei haben sie sich von Urlauten ständig weiterentwickelt und sind auch weiterhin in einem ständigen Fluss. Wobei die heutige globale Vernetzung zu einer beschleunigten Durchmischung verschiedener Sprachen sorgt.

Bei der Frage nach Erhalt oder Weiterentwicklung einer Sprache scheiden sich die Geister. Während Puristen für den bedingungslosen Erhalt einer aktuellen Form sind und möglichst jegliche Neuerungen ausschließen, fordern andere eine ständige Weiterentwicklung entsprechend der sich ändernden Nutzung. Hier steht somit die Frage im Raum, ob sich Menschen dauerhaft an (Sprach-)Regeln halten sollen oder ob Regeln gemäß des Zeiten- und damit auch sprachlichen Wandels geändert werden sollten.

Die Wahrheit liegt – wie so oft – in der Mitte. Moderate Änderungen vorgegebener Regeln in sinnvollen Zeitabständen sind ein pragmatischer Kompromiss, der beiden Ansichten gerecht wird, wenngleich nicht immer alle zufrieden sind. Spannend ist bei dieser Betrachtung, dass die Nutzung von neuen Wörtern oder Formulierungen weder verhindert werden kann, noch dass die Gesellschaft zur Nutzung von Kunstworten verpflichtet werden kann.

Ein Beispiel für die Inakzeptanz eines Wortes ist „sitt“. Im Jahre 1999 von der Dudenredaktion als Gegenteil von „durstig“ ausgewählt, um das Paar „hungig“ / „satt“ zu ergänzen. Damit sollte unterschieden werden können, ob jemand „trinksatt“ oder „esssatt“ sei. Bekanntlich hat es sich nicht durchgesetzt. Immerhin ist meines Wissens noch keiner auf die Idee gekommen, einen anderen Namen für das Hosenbein einzuführen. Konsequenterweise müsste es „Beinel“ (nach „Ärmel“) heißen.

Was bedeutet das Gesagte für unsere mündliche und schriftliche Kommunikation?: Es ist von nachrangigem Interesse, ob wir zwanghaft an etwas Altbewährtem festhalten oder unbedingt neue Begriffe verwenden wollen. Denn entscheidend ist, dass uns der Kommunikationspartner versteht. Getreu dem Motto: „Erst wenn Du weißt, was die/der Andere verstanden hat, weißt Du, was Du gesagt hast.“ Das heißt vor allem, aufmerksam zu sein und zu beobachten, in welcher Sprachwelt sich unser Gegenüber bewegt. Als Teil von „Aktiv Hinhören“, was wiederum nur ein Teil der Wertschätzenden Kommunikation ist.

Wer aktiv hinhört, kann – je nach Gesprächspartner – durchaus auch einmal mit Begriffen wie „Gnädige Frau“ oder „Ey yo“ punkten, selbst wenn sie sonst nicht zum aktiven Wortschatz gehören.

Herzlichst
Ihr
Boris Springer

PS: Unten haben Sie die Möglichkeit, Ihre Meinung zu dieser Kolumne zu äußern. Ich freue mich auf Ihre Beiträge.

Lesen Sie nächste Woche: Freundlich grüßt die ISO

Bild: Brot und Wein
Bildquelle: Lichtbild Austria / pixelio.de
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