Ein Verkehrszeichen ohne Bedeutung?

21.09.2016 von Boris Springer

Autobahn-Benutzer kennen das Verkehrszeichen 277, das ein Überholverbot für Kraftfahrzeuge ab einem zulässigen Gesamtgewicht von mehr als 3,5 Tonnen vorschreibt (im Volksmund: „Überholverbot für Lkw“). Es ist an zahlreichen Stellen stationär positioniert, zusätzlich kann es elektronisch auf Signalbrücken eingeblendet werden.

Jeder Pkw-Fahrer sollte davon ausgehen können, dass das genannte Verkehrszeichen von den Brummi-Fahrern nicht nur gesehen, sondern auch beachtet wird. Leider entspricht die Realität nicht diesen Erwartungen. Wer viel unterwegs ist, kann häufig feststellen, dass dieses Lkw-Überholverbot gerne missachtet wird, indem die Lkw-Fahrer – meist entspannt zumindest noch mit Blinkersetzen – die rechte Spur verlassen. Dabei ist es ihnen egal, ob sie auf einer zweispurigen Autobahn den nachfolgenden Verkehr blockieren oder bei Vorhandensein einer dritten Spur die sonstigen Verkehrsteilnehmer immerhin behindern.

Wer meint, dass es sich bei den Überholern nur um jene handelt, die mindestens zehn Kilometer pro Stunde schneller sind als der Überholte, was – zusammen mit einer Dauer von maximal 45 Sekunden – bekanntlich für einen Überholvorgang erforderlich ist, der irrt. Es kommt zu Elefantenrennen, die sich manchmal über viele hundert Meter, manchmal sogar über einige Kilometer erstrecken, weil die Fahrzeuge aufgrund ihrer geringen Geschwindigkeitsdifferenz scheinbar wie die abgebildeten Schnecken nebeneinander kriechen. Allerdings kommt es nur den Pkw-Insassen wie Kriechen vor, denn die meisten Lkw sind mit mehr als den erlaubten 80 km/h unterwegs.

Die im Bußgeld-Katalog festgelegten 70 Euro Strafe (und ein Punkt für deutsche Fahrer) für unerlaubtes Überholen sind eine viel zu lächerliche Strafe dafür, dass die Fahrer ein kilometerlanges Hinterherzockeln in Kauf nehmen würden. Ebenso wie die bekannt aberwitzig geringe Strafe für das unberechtigte Überqueren der Leverkusener Brücke zeigen die verbotenen Überholmanöver, dass der Nutzen von Verkehrsverstößen für Fahrer und Spedition deutlich größer sind als das Risiko, erwischt zu werden und dann ggf. nur eine geringe Gebühr zahlen zu müssen. Ausländische Fahrer haben zudem keinen Punkt in Flensburg zu befürchten. Das Verkehrszeichen 277 hat für Lkw-Fahrer scheinbar keine Bedeutung.

Wer sich mit dem Thema näher beschäftigt wird wissen, dass es hauptsächlich vier Verhaltensweisen von Lkw-Fahrern gibt, die die Sicherheit auf deutschen Straßen unnötig gefährden: 1.) das zu schnelle Fahren. Selbstverständlich wissen die Fahrer, wie Sperren auszutricksen sind; 2.) das zu dichte Auffahren. Kaum ein Lkw hat bei direkt hintereinander fahrenden Fahrzeugen den erforderlichen Abstand von mindestens 50 Metern zum Vordermann; 3.) das Missachten von Lkw-Überholverboten, siehe oben; 4.) die Beschäftigung der Lkw-Fahrer mit Zeitvertreib. Sie schauen fern, lesen Zeitung, spielen Schlagzeug etc. Und das alles beim Führen eines mehrere Tonnen schweren Fahrzeugs mit hoher Geschwindigkeit. Wen wundern da die Nachrichten, dass – wieder einmal – ein Lkw aus „bislang ungeklärter Ursache“ ungebremst auf einen Stau aufgefahren ist.

Herzlichst
Ihr
Boris Springer

PS: Unten haben Sie die Möglichkeit, Ihre Meinung zu dieser Kolumne zu äußern. Ich freue mich auf Ihre Beiträge.

Bild: Schneckenwettrennen - es wird sogar überholt
Bildquelle: M. Großmann / pixelio.de
www.pixelio.de

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