Wissenswertes zum Heilpraktiker(-Beruf)

29.11.2020 von Boris Springer

Vorab: Der vorliegende Beitrag ist nicht als Kritik an Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern an sich zu verstehen, sondern vielmehr als Beschreibung und Anprangerung des (rechtlichen) Ist-Zustandes, in dem sich diese Personen bewegen. Zudem soll er als Faktensammlung und Informationsquelle für all jene (potentiellen) Patienten dienen, die sich mit dem Gedanken an den Besuch eines Heilpraktikers tragen. Des Weiteren ist er ein Appell an die Politik, diesen aktuellen, unhaltbaren Zustand zu beenden, in dem Menschen potentiell die rechtlich nicht oder nur marginal justitiable Möglichkeit gegeben wird, unter dem Deckmantel von Alternativmedizin sich an Menschen auszuprobieren, diese zu verletzen oder gar umzubringen.

Heilpraktiker werden oft als Alternative zu Ärzten angesehen. Als Heilkundler mit fundierter Ausbildung und hoher Fachkompetenz. Das kann in einigen Fällen zutreffen, die Regel ist es allerdings nicht.
Tatsächlich handelt es sich beim Beruf des Heilpraktikers, dem Menschen ihre Gesundheit, ihren Körper anvertrauen um einen der unkontrolliertesten, unreguliertesten Berufsstände Deutschlands. Den es übrigens nur hierzulande in dieser Form gibt – basierend auf einem überholten Gesetz aus dem Jahr 1939.
Und jene gesundheitlichen Verbesserungen, die die körpereigenen Selbstheilungskräfte mit der Zeit erzielt haben, werden fälschlicherweise den „Behandlungen“ durch größtenteils nur mäßig fachkundige Heilpraktiker und ihren nicht als wirksam belegten, teilweise potentiell gesundheitsgefährdenden und deren behauptete Wirkung oftmals den allgemein geltenden Naturgesetzen widersprechenden Methoden zugeschrieben.

Die Faktenlage stellt sich wie folgt dar:

1. Das heute noch gültige Heilpraktikergesetz vom 17.02.1939 war als Übergangsregelung dafür vorgesehen, nur noch den damals zahlreichen – meist erfolglos agierenden – Heilern ihre Tätigkeit bis zum Ausscheiden aus ihrem Beruf zu ermöglichen. Danach sollten derartige Praktiken verboten sein.

2. Die Patienten, in der Regel medizinische Laien, wissen nichts über evtl. vorhandene Fachkompetenz des Heilpraktikers, halten ihn für eine Alternative zum studierten Arzt und kennen weder die angewandten Methoden noch die vom Heilpraktiker eingesetzten Mittel. Und sie verlassen sich in einer krankheitsbedingten Stress-Situation auf die Kompetenz des Heilpraktikers – die ungewiss ist (siehe 5.)

3. Ein Heilpraktiker-Zertifikat suggeriert eine fundierte Ausbildung, theoretisches und praktisches Fachwissen und lässt auf eine kompetente ärztliche Beratung und Behandlung schließen.

4. Im Gegensatz zu Ausbildungsberufen ist für die Zulassung zur Heilpraktiker-Überprüfung (der Gesetzgeber legt Wert darauf, dass es keine Prüfung, sondern eine Überprüfung ist) keinerlei Erwerb von Kompetenzen erforderlich, weder von theoretischem Wissen noch jedweder praktischer Arbeit an Patienten vorab. Es muss kein Nachweis über eine Fachqualifikation erbracht werden, jede(r) kann sich „einfach so“ zur Überprüfung anmelden.

5. Eine Überprüfungsvorbereitung kann in Form eines Selbststudiums erfolgen. Zu Hause am Schreibtisch, ohne jeglichen Kontakt zu anderen Menschen oder gar praktische Arbeit an Patienten. Alleine mit angelesenem Wissen und ohne je ein Krankheitsbild in natura gesehen zu haben.

6. Es besteht die Möglichkeit der professionellen Unterstützung zur Vorbereitung (die Anbieter nennen es „Ausbildung“). Dabei wird ausdrücklich damit geworben, dass es – anders als in Ausbildungsberufen – keine konkreten gesetzlichen Vorgaben gebe, wie diese auszusehen haben. Diesbezügliches Zitat eines Anbieters: „Das erleichtert den Einstieg in das Berufsfeld enorm.“

7. Die ausschließlich privaten Anbieter von Heilpraktiker-“Ausbildungen“ vermitteln obligatorisch lediglich medizinische Grundlagen, die benötigt werden, um die amtsärztliche Prüfung zu bestehen. Weitere Methoden können ggf. gelernt werden, ein Muss ist das nicht.

8. Tatsächliches Ziel der „Ausbildungen“ ist – neben der Vermittlung von medizinischen Grundlagen(!) – das Erkennen von Krankheiten mit dem Ziel, Patienten ggf. unverzüglich zum Arzt zu schicken.

9. Die Qualifikation der „Ausbilder“ in (ausschließlich privaten) Heilpraktiker-Schulen besteht lediglich darin, selber Heilpraktiker zu sein.

10. Da keine Pflicht zur Ausbildung besteht, gibt es dementsprechend – anders als in anderen Berufsfeldern üblich – keinerlei Zwischenprüfungen, Leistungsnachweise oder Ähnliches.

11. Die Überprüfungen, für die es keinen geregelten inhaltlichen Standard gibt, bestehen aus einem schriftlichen (Multiple-Choice-)Test (Dauer: 120 Minuten, von 60 Fragen müssen mindestens 45 korrekt beantwortet sein) und einem „mündlich-praktischen“ Teil (30 bis max. 60 Minuten pro Prüfling, vor Amtsarzt und zwei Heilpraktikern mit bis zu vier Prüflingen gleichzeitig; praktische Aufgaben kann es nur aus dem Teil der Anwendungsorientierung geben). Überprüfungen können beliebig oft wiederholt werden.

12. Die Fragen in der Überprüfung beziehen sich lediglich auf Basiswissen zur evidenzbasierten Medizin. Alternative Verfahren, mit denen fast alle Heilpraktiker später arbeiten, werden nicht überprüft.

13. Es gibt keinen festgelegten Fragenkatalog wie etwa bei der theoretischen Führerscheinprüfung, Fragen vergangener Überprüfungen (von Anbietern „Prüfungen“ genannt) finden sich in großer Zahl im Internet. Bedingt durch fehlende Standards für Vorkenntnisse (s. 4.) und Überprüfungen (s. 11.) sind die „mündlich-praktischen“ Überprüfungsteile je nach zuständigem Gesundheitsamt unterschiedlich anspruchsvoll. Wesentlichster Bestandteil der Überprüfung ist jedenfalls vor allem die unter 15. genannte Gefahrenabwehr („[k]eine Gefahr für die Volksgesundheit“ bzw. „[k]eine Gefahr für den Patienten“).

14. Alleine eine ausreichende Zahl korrekter Antworten auf die Prüfungsfragen in dieser einmaligen, zweiteiligen Überprüfung (s. 11.) qualifiziert (neben 15.) zur Behandlung von Menschen, die der/m Heilpraktiker/in ihr höchstes Gut anvertrauen.

15. Die Kosten bis zur Erlaubnis, als Heilpraktiker arbeiten zu dürfen, liegen unter denen für den Erwerb eines Führerscheins.

16. Einen Rechtsanspruch auf Erteilung der Heilpraktikererlaubnis hat man, wenn – zusätzlich zur bestandenen Überprüfung – fünf Versagungsgründe nicht vorliegen. Danach muss man mindestens 25 Jahre alt sein, mindestens einen Hauptschulabschluss vorweisen, ein amtliches Führungszeugnis vorlegen, ausreichende körperliche und psychische Gesundheit belegen und nachweisen, dass man keine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung darstellt.

17. Nach Einschätzung medizinischen Personals (Ärzte und Pflegekräfte; nicht-repräsentative Befragung durch den Verfasser) kann die Prüfung (einige sagen: problemlos) von jedem bestanden werden, der in diesem Bereich arbeitet; mittelmäßig lernbegabte Laien würden zum Bestehen der Überprüfung wenige Wochen Vollzeit zum Lernen benötigen. Das passt zu Anbietern, die z.B. mit einer „Ausbildungszeit“ von maximal zwei Jahren bei einem 14-tägig stattfindenden Vormittagskurs werben.

18. Zum Vergleich mit ausgebildetem Fachpersonal nachfolgend drei Anmerkungen:
• Die jeweils umfangreiche theoretische und praktische Ausbildung zum Facharzt dauert in etwa zehn Jahre Vollzeit – mit zahllosen theoretischen Prüfungen sowie Arbeiten am Patienten
• Ärzte dürfen (nur) in einem jeweils definierten Betätigungsfeld arbeiten, unterliegen rechtlichen Gegebenheiten und Regularien der Ärztekammern
• Viele für die Gesundheit weit ungefährlichere Ausbildungen wie z.B. die einer Lebensmittel-Fachverkäuferin oder die eines Friseurs, sind detailliert geregelt und aufwändig

19. Heilpraktiker dürfen (siehe dazu die Punkte 5, 7, 8,10,11, 12 und 18))
• Kranke behandeln – fast wie Ärzte, nur ohne deren Ausbildung. Selbst, wenn sie sich ihr Wissen lediglich im Selbststudium zu Hause ohne Kontakt zu anderen Menschen angeeignet haben, dürfen sie bspw. Krebskranke behandeln.
• Spritzen setzen und Infusionen legen. Pflegekräfte benötigen dafür eine entsprechende Zusatzausbildung und für jeden Einzelfall eine ärztliche Verordnung.
• invasive Eingriffe und kleine Operationen durchführen, solange sie dafür keine rezeptpflichtigen Anästhetika benötigen
• jede Art von Substanz verabreichen, die nicht irgendwo weltweit als verschreibungspflichtiges Arzneimittel zugelassen wurde. Ärzten hingegen, die ein für bestimmte Zwecke zugelassenes Medikament für eine andere Indikation einsetzen, drohen Klagen und Regressforderungen.

20. Die meisten Heilpraktiker behandeln ihre Patienten mit den unterschiedlichsten alternativen Methoden. Diese haben sie weder gelernt noch gibt es für sie Nachweise einer Wirksamkeit. Verfahren der evidenzbasierten Medizin bieten sie meist nicht an.

21. Heilpraktiker werben auf ihren Internet-Präsenzen gerne mit „Fortbildungen“. Diese wurden nach Recherchen des Verfassers* zumeist nur auf Gebieten absolviert, die mit evidenzbasierter Medizin nichts gemein haben.

22. Heilpraktiker werben mit Begriffen wie „natürlich“ und „biologisch“. Dabei haben viele ihrer Methoden weder mit Natur noch mit Biologie zu tun. Andere Termini wie z.B. „ausleiten“ oder „entgiften“ sind Phantasiebegriffe ohne nachweisbare Hintergründe.

23. Nahezu alle Heilpraktiker werben auf ihren Internet-Präsenzen mit erwiesenermaßen unwirksamen Methoden. Selbst potentiell gefährliche Praktiken werden angeboten.*

24. Laien können die Seriosität vieler von Heilpraktikern angebotener Methoden nicht erkennen. Astrologie und Reinkarnation bspw. sind erkennbar unseriös und wissenschaftlich nicht haltbar. Bioresonanztherapie oder Irisdiagnostik hingegen halten viele für Verfahren, deren Wirksamkeit medizinisch belegt sei.

25. Eine Pflicht zum Abschluss einer Berufshaftpflichtversicherung besteht für Heilpraktiker nur regional oder wenn sie Mitglied in einem Berufsverband sind, der einen derartigen Schutz vorschreibt.

26. Fehlverhalten von Heilpraktikern ist nicht justiziabel. Verstöße gegen die Berufsordnung für Heilpraktiker haben keine gravierenden Folgen wie etwa bei Ärzten. Gemäß Artikel 27 der Berufsordnung können sie zwar geahndet werden, vorher sollte jedoch immer der Versuch einer „kollegialen Bereinigung“ unternommen werden. Ein Heilpraktiker kann ggf. aus dem Verband ausgeschlossen werden, das tangiert die weitere Berufsausübung jedoch in keinster Weise.

27. Der von Anhängern der „Alternativmedizin“ (die beides nicht ist, weder Alternative noch Medizin) gerne verwendete Begriff „Schulmedizin“ ist ein despektierlich verwendeter, u.a. von Vertretern der Homöopathie geprägter und (mit dem Zusatz „verjudet“) zudem von den Nationalsozialisten abfällig eingesetzter Begriff für evidenzbasierte Medizin.

Fazit: Wer eine(n) HeilpraktikerIn aufsucht, sollte sich im Vorfeld über deren/dessen Qualifikationen und Kompetenzen informieren und die vorstehenden Fakten berücksichtigen. Jede(r) sollte sich vor allem darüber im Klaren sein, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Methoden angewandt und/oder Mittel verabreicht werden, deren Wirksamkeit nicht wissenschaftlich belegt ist und die potentiell gesundheitsgefährdend sind. Zudem sollte das eingangs Gesagte bedacht werden, dass Heilpraktiker in einem weitestgehend unregulierten, nahezu rechtsfreien Raum arbeiten und eventuelle Fehler meist nicht justiziabel sind.

*: Dem Verfasser ist es bislang nicht gelungen, Internet-Präsenzen von Heilpraktikern zu finden, auf denen nicht mindestens eine Methode angepriesen wird, deren Wirkung wissenschaftlich nicht belegt ist. Er freut sich, mittels möglichst vieler Gegenbeispiele bewiesen zu bekommen, dass er Unrecht hat und bittet daher um Zusendung von Links auf Internet-Präsenzen von Heilpraktikern, die ausschließlich mit Methoden der evidenzbasierten Medizin werben. Vielen Dank dafür.

Herzlichst
Ihr
Boris Springer

PS: Unten haben Sie die Möglichkeit, Ihre Meinung zu dieser Kolumne zu äußern. Ich freue mich auf Ihre Beiträge.

Bild: Im Wartezimmer 2
Bildquelle: Rainer Sturm / pixelio.de
www.pixelio.de

Stand der Informationen: 29.11.2020

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