Vom (gescheiterten) Versuch, Notfallseelsorger zu werden. Ein Erfahrungsbericht.

03.12.2020 von Boris Springer

Ein Erlebnis, auf das wir alle liebend gerne verzichten, verändert unser Leben dramatisch von jetzt auf gleich: Es klingelt an der Haustür, draußen stehen ein Polizist und ein Notfallseelsorger. Die beiden haben die wenig beneidenswerte Aufgabe, eine unerfreuliche Nachricht zu überbringen. Dabei gilt es, die Betroffenen aufzufangen, ihnen eine erste seelische Hilfe zu sein und gefühlvoll weitere Schritte zu besprechen.

Der Begriff des Notfallseelsorgers setzt sich aus drei Teilen zusammen: Notfall, Seele und Sorge. Nach einem Notfall sorgt sich also jemand um die Seele. Selbst wenn sie im Einzelfall unterschiedlich sind, so sind sowohl der Notfall als auch die Sorge wenig erklärungsbedürftig, was bei der Seele anders aussieht. Ist damit alles Nicht-Körperliche gemeint? Lebt sie (eventuell) über unseren physischen Tod hinaus weiter? Alle diese Glaubens-Fragen sollen hier aus naheliegenden Gründen unbeantwortet bleiben. Wichtig hingegen ist in der jeweiligen Situation alleine die aktuelle, ganz irdische Verfassung der Betroffenen sowie die Frage, wie individuell und neutral ein Notfallseelsorger helfen kann.

Die Menschen müssen erreicht, mit und in ihren derzeitigen Befindlichkeiten aus ihrer Not abgeholt und sanft aufgefangen werden – so gut das in dieser Extremsituation eben möglich ist. Dafür ist Fingerspitzengefühl und ein großes Maß an Empathie notwendig. Außerdem ist in diesem Moment die Frage nach dem Glauben wichtig: Gelingt es, die Betroffenen in ihrer Welt abzuholen? Anders gesagt: Ein Atheist wäre sicherlich wenig erfreut, wenn versucht würde, ihn nach einem Todesfall mit einem Wiedersehen im Jenseits zu trösten und ein Gläubiger einer bestimmten Religion würde mit Bezug auf einen der anderen in der Menschheitsgeschichte bekannten ca. 3.000 Götter nichts anfangen können. Also gilt es für die/den HelferIn, zunächst die Situation zu erspüren, zu erfühlen, aktiv hinzuhören und eine möglichst unvoreingenommene Ansprache zu wählen.

Als weltlicher Trauerredner habe ich bei jedem Trauerfall intensiven, sehr persönlichen Kontakt mit Hinterbliebenen vor und auch nach der Trauerfeier. Dabei kam mehrfach die Frage auf, ob ich mir eine Tätigkeit als Notfallseelsorger vorstellen könne. Nein, das könne ich nicht, weil ich zu wenig davon wisse, war stets meine Antwort.

Was macht man, wenn man etwas nicht weiß?: Man erkundigt sich. Ich wollte wissen, was die Voraussetzungen für die Tätigkeit als Notfallseelsorger sind, welche Qualifikationen benötigt werden und  vor allem auch, wie die Tätigkeit in der Praxis aussieht. Diese (Er-)Kenntnisse sollten Basis sein für weitere Überlegungen meinerseits. Und damit begann für mich eine bemerkenswerte Lernreise.

Mein erster Kontakt war die Notfallseelsorge in Köln. Auf freundliche, gleichwohl kompromisslose Art wurde mir in einem längeren Telefonat mitgeteilt, dass die Hauptaufgabe der Seelsorger die Verkündigung der Botschaft Jesu und die vielen Verheißungen des Jenseits seien. Ohne die Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche könne mir das nicht gelingen, daher bliebe ich bei dieser Ausbildung von vornherein außen vor. Auf meine Frage, was bei der seelsorgerischen Betreuung mit Anders- oder Nichtgläubigen geschehe, wurde auf das zuvor Gesagte verwiesen. Vor allem das sei wichtig. Nun gut, dachte ich naiv und fragte nach einer weltlichen Organisation, die etwas Äquivalentes anböte. Die Antwort war entlarvend wie erschreckend zugleich. Sinngemäß hieß es: Die beiden christlichen Kirchen hätten ein derartiges Monopol zur Ausbildung von Notfallseelsorgern und eine überragende Größe und Macht, dass kein anderer eine Chance hätte, etwas Vergleichbares aufzubauen. Sich das auch gar nicht trauen würde und auch nicht leisten könne.
Eine Aussage, die  mich zutiefst frustriert hat. Zumal sie alleine deshalb spannend ist, weil sich Christen doch Toleranz, Großmut und Mitmenschlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben haben.
Als Abschluss wurde mir immerhin noch der Hinweis auf das Deutsche Rote Kreuz gegeben. In Euskirchen böte man Ausbildungen zur Krisenintervention an.

Das Telefonat mit einer dortigen, bzgl. meiner Thematik kompetenten DRK-Mitarbeiterin verlief sehr freundlich. Es gibt dort einen Kriseninterventionsdienst und eine Ausbildung, allerdings mit anschließender lokaler Bindung. Aus diesen Gründen käme das für mich nicht infrage. Eine nachvollziehbare Aussage, denn es ist mir sicher nicht möglich, auf Zuruf innerhalb von 30 Minuten ggf. an der belgischen Grenze zu sein. Mir wurde freundlicherweise dann noch der Kontakt zum DRK in meinem, dem Rhein-Erft-Kreis empfohlen, wohl wissend, dass dort nichts Adäquates angeboten würde.

Dort wiederum war Hartnäckigkeit gefordert, denn auf meine Mailbox-Nachrichten gab es keine Rückmeldungen. Nach einem dann doch erfolgreichen Anruf war klar, dass entsprechende Kurse bzw. Ausbildungen tatsächlich nicht angeboten würden. Immerhin wurde ein erneuter Hinweis gegeben: Auf den Verein TrauBe (Trauerbegleitung in Köln e.V.; TrauBe-Koeln.de).

Ein sehr angenehmes Gespräch mit einer dortigen Mitarbeiterin war das große Geschenk meiner Erkundungsreise. Auch wenn der Anruf dort ebenfalls keine Antworten auf meine Fragen lieferte, so habe ich einen mir bis dahin unbekannten Verein kennengelernt, dessen wichtige Aufgabe es ist, trauernde Kinder und Jugendliche in ihrer Not kompetent zu betreuen.
TrauBe sollte meine vorletzte Station sein, denn auch hier wurde mir noch eine Empfehlung zuteil: Die lokale Feuerwehr.

Gesagt, getan. In einem Telefonat notierte sich ein Mitarbeiter der Kerpener Feuerwehr mein Anliegen und meine Daten und sicherte einen baldigen Rückruf zu. Auf den „warte“ ich noch heute. Schade.

Das war's also. Die Frage, ob eine Tätigkeit als Notfallseelsorger oder in der Krisenintervention etwas für mich sei, lässt sich nicht beantworten. Es fehlen schlicht die Grundlagen und das Hintergrundwissen, um derartige Überlegungen überhaupt anstellen zu können. Zwei besondere Erfahrungen stechen aus meinen Erlebnissen hervor: Einerseits die Kompromisslosigkeit der Kirchen, die ihre über Jahrhunderte „erworbene“ Macht ausspielen und alles erdrücken, was ihnen nicht passt oder ihnen gar in die Quere kommt. Andererseits habe ich einen unterstützenswerten Verein kennengelernt, der sich um Kinder kümmert, die sich nach dem Tod eines nahen Angehörigen in großer seelischer Not befinden.

Herzlichst
Ihr
Boris Springer

PS: Unten haben Sie die Möglichkeit, Ihre Meinung zu dieser Kolumne zu äußern. Ich freue mich auf Ihre Beiträge.

Bild: Unfall
Bildquelle: Manfred Schimmel / pixelio.de
www.pixelio.de

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Kommentar von Martin G. | 01.02.2021

Lieber Boris,
bist Du in dieser Sache seit Dezember weitergekommen? Ich fürchte, mir steht eine ähnliche Odyssee bevor, denn auch ich interessiere mich für eine Fortbildung zum Notfallseelsorger. Allerdings bin ich tatsächlich auch Feuerwehrangehöriger und versuche es eben auch über den Landesfeuerwehrverband (hier der LFV Rheinland-Pfalz).
Bei Interesse lasse ich Dich gerne wissen, wie es bei mir weitergeht.

Alles Gute und viele Grüße aus Kerpen in der Vulkaneifel:

Martin G.

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