Kommen Sie mir bloß nicht mit Fakten!

20.12.2020 von Boris Springer

Als Nutzer auch der linken Gehirnhälfte wird es einem manchmal schwer gemacht. Welches „Geschwurbel“ lässt man unkommentiert stehen, wozu äußert man sich? Zu letzterem habe ich mich entschieden, als sich in meiner Facebook-Timeline ein gesponserter Artikel fand, unter dem ein (mich) erschreckender Kommentar stand.

Die Werbung kam von einem Homöopathika-Hersteller, der ein Mittel anpries. Selbstverständlich nicht mit einer spezifischen Wirkung, denn die ist ja nicht wissenschaftlich belegt, sondern mit der wunderbaren Formulierung „Bei ...“ mit Nennung von diversen Beschwerden. Das sagt nichts anderes aus, als dass man es „bei ...“ nehmen kann (Man beachte die Wortwahl!). Mehr nicht.

Der oberste, für mich sofort sichtbare Kommentar war ein Lob dieses Mittels, geschrieben von einer Rosi. Diese war so frei, die Zusammensetzung als „sehr gut“ und das Mittel selbst als „Arznei“ zu bezeichnen.

Im Unklaren darüber, ob es sich bei „Rosi“ um eine real existierende Person oder um einen (ggf. bezahlten) Claqueur des Unternehmens handelt(e), fragte ich vorsichtig nach, auch wenn mir die Folgen von sachlichen Fragen auf „Schwurbler“-Seiten bekannt sind: Löschung der Beiträge und Sperren meines Zugangs. Denn Nachfragen könnten zum Nachdenken anregen und alles andere als blindes Folgen erschwert bekanntlich das Geschäft. Dabei sei an dieser Stelle meine Intention betont, tatsächlich zum Einschalten der eigenen grauen Zellen anzuregen und keinesfalls zu missionieren.

Als erstes wollte ich Rosi motivieren, über den Begriff „Arznei“ nachzudenken – wenn sie ihn schon verwendet und fragte nach ihrer Definition. Nein, Rosi dachte nicht nach, sondern kopierte die Definition aus Wikipedia in den Thread. Ok, verstanden hatte sie das nicht.

Schritt zwei war meine Frage nach der Nachweisbarkeit jeglicher Wirkung von Homöopathika über den Placebo-Effekt hinaus. Schließlich werden sie nicht nach wissenschaftlichen Kriterien zugelassen, sondern – wenn überhaupt – nur nach dem sogenannten Binnenkonsens. Während Medikamente, die diesen Namen verdienen, jahrelang aufwändig getestet werden und die Hersteller ihre Wirksamkeit belegen müssen, ist das bei Homöopathika anders: Entweder sind sie gar nicht zugelassen oder nur nach dem schon erwähnten Binnenkonsens: Dabei entscheidet eine Kommission aus „Fachleuten“, die vermeintlich „ausreichenden Sachverstand der Therapierichtung“ besitzen, ob ein Mittelchen zugelassen wird. Anders gesagt: „"Wenn Homöopathen bescheinigen, dass ein Mittel wirkt, ist damit der Wirksamkeitsnachweis erbracht. Das reicht aus." (Martin Winkelheide, Deutschlandfunk-Nova-Reporter). Es wird also nicht zugelassen, weil (s)eine Wirkung nachgewiesen wurde, sondern nur, weil sich einige Experten darauf verständigt haben. Und die Hersteller werden sich hüten, irgendeine Wirkung zu bestätigen.

Ein Blick auf den Beipackzettel verrät, dass es dort keine konkreten Angaben zur Wirkung gibt, wie sie bspw. von Schmerzmitteln bekannt sind (z.B. „wirkt schmerzlindernd“), lediglich Warnungen vor tatsächlichen Inhaltsstoffen (bspw. Lactose oder Alkohol, je nach Darreichungsform). Gerne genommen wird auch die schwammige Formulierung „In vielen Fällen ...“ ohne Nachweise zu nennen und vor allem die Beliebtheits-Bekundung („Ist beliebt bei …“). Nota bene: Freibier ist auch beliebt, wird jedoch von keiner Krankenkasse bezahlt.

Was antwortet Rosi?: „...es gibt sehr viel, was nicht wissenschaftlich belegt ist. Auf das gebe ich nicht viel. Ich mache sehr gute Erfahrungen mit homöopathischen Mitteln ...“ und disqualifiziert sich gleich in mehrfacher Hinsicht. Sie outet sich als Träumerin, die nichts auf Fakten gibt und vertraut auf angeblich gute Erfahrungen mit Homöopathika, ohne zu hinterfragen, ob die Einnahme irgendeines Stoffes und die sich zeitgleich ändernde gesundheitliche Verfassung nicht zufällig korrelieren und hier überhaupt keine Kausalität zugrunde liegt.

Mit ein bisschen Recherche stößt man da ganz schnell auf den „Post-hoc-ergo-propter-hoc“-Fehlschluss. Auf gut deutsch. „Danach, also deswegen“. Weil B nach A passierte, war A angeblich(!) der Grund für B. Bei wirksamen Medikamenten liegt hier tatsächlich ein Kausalzusammenhang vor, weil er nachgewiesen wurde und weil sie eben erst dann zugelassen wurden, als ihre Wirkung belegt war. In anderen Fällen liegt da – bis zum Beweis des Gegenteils – tatsächlich der genannte Fehlschluss vor.

Beispielhaft sei an dieser Stelle das Homöopathikum „Murus Berlinensis“ genannt, das in Tablettenform, als Spray und als Creme vertrieben wird. Ja, Homöopathika tragen immer lateinische Namen und werden – welch ein aufwertender Verkaufstrick – nur in Apotheken verkauft. „Murus berlinensis“ heißt auf deutsch „Berliner Mauer“. Ein (Mini-)Stückchen der Berliner Mauer wurde „potenziert“ (vulgo: verdünnt, geklopft und geschüttelt) und soll(!) Menschen helfen, die entweder keine Grenzen kennen oder die sich zu sehr von anderen abgrenzen. Auch die Indikation „selbstzerstörerische Tendenz“ ist im Internet zu finden. Klingt das vielversprechend?
Wer weitere Beispiele kennenlernen möchte, möge sich nach den Globuli Alligator, Hundekot, Fensterglas, Honigbiene oder auch Vakuum erkundigen.

An dieser Stelle wird es Zeit für die Schilderung eines vom Verfasser dieser Zeilen fünf Mal erfolgreich(!) durchgeführten Experiments: Im Falle von morgendlichen, mal leichter, mal schwerer aufgetretenen Kopfschmerzen zog er dunkelgraue Socken mit je drei schwarzen Streifen an. Tatsächlich ließ sich feststellen, dass an allen Testtagen die Kopfschmerzen abends rückstandslos verschwunden waren! Handelt es sich hierbei um eine revolutionäre, vier Mal reproduzierte Erfindung? Oder haben wir es hier wieder mit dem Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss zu tun? Entscheiden Sie bitte selbst.

Zurück zu Rosi: Als Motivation zur Eigenrecherche erhielt sie Hinweise auf die evidenzbasierte Medizin, einen Verweis auf die nachgewiesene Wirksamkeit von Medikamenten und auf die als rein subjektiv erfahrbare und nicht reproduzierbare (angebliche!) „Wirkung“ von Homöopathika über den Placebo-Effekt hinaus. Verbunden mit der Anregung, sich aus  seriösen Quellen mit fundierten Informationen zu versorgen.

Wenig überraschend wurde ihre fehlende Bereitschaft deutlich, über das Geschriebene nachzudenken. Sie antwortete im Sinne einer Gläubigen, der man das Paradies ausreden wollte: „Wieso sich immer so 'Bekehrer' auf dieser Seite rumtreiben müssen, ist mir unverständlich ...“. Gelesen hat sie nicht richtig, die Ohren sind auf Durchzug geschaltet und der Beleidigten-Modus wurde aktiviert. Besonders erkennbar in ihrem folgenden (Schein-)Argument, wonach es „doch so langsam jedem einleuchten“ müsse, dass derjenige, der von „welcher Heilkunst auch immer zu 100% überzeugt“ sei, sich weder bekehren noch umstimmen ließe.

Abgesehen davon, dass Homöopathie (vom ggf. vorhandenen Placebo-Effekt abgesehen) gar keine Heilung bringt und die Verabreichung von bspw. Zuckerkügelchen ohne nachweisbarem Wirkstoff nichts mit Medizin zu tun hat, wird die geistige Einbahnstraße erkennbar: Ich habe mich für etwas entschieden, will nicht darüber nachdenken und bin für anderes nicht offen.
Nota bene: Die Bereitschaft für Evidenzbasierte Medizin (EBM) ist bei fast allen Homöopathie-Anhängern sofort vorhanden, wenn sie bemerken, dass sie eine Erkrankung haben, die von den eigenen Selbstheilungskräften nicht mehr kontrolliert und besiegt werden kann.


Immerhin hat Rosi erkannt, dass „auch der Homöopathie bei bestimmten Erkrankungen Grenzen gesetzt“ seien. Ich hoffe, dass sie bei schweren Erkrankungen nicht auf Zuckerkügelchen, sondern früh genug auf echte Medikamente zurückgreift.

Abschließend hat Rosi noch ein weiteres (Schein-)Argument parat: Man müsse „bestimmt nicht bei jeder Erkrankung mit Kanonen auf Spatzen schießen.“ Endlich sind wir uns einmal einig – auch wenn sie es gar nicht bemerkt hat. Denn auch der Verfasser dieser Kolumne ist kein Freund der Einnahme von Medikamenten. Und wenn, dann sollte das wohldosiert und so selten wie möglich sein. Nirgendwo wurde der unnötigen Einnahme von Medikamenten aus nichtigem Anlass das Wort geredet.

Was könnte man also bei leichten Unbefindlichkeiten tun, bei denen wirksame Medikamente (noch) nicht ratsam erscheinen? Man könnte(!) Homöopathika nehmen oder man könnte sie nicht nehmen. Und in jedem Fall auf den eigenen Körper achten, ihn schonen und – falls erforderlich – rechtzeitig(!) einen seriösen Arzt aufsuchen, um sich ein wirksames Medikament verordnen zu lassen.

Und ja, selbstverständlich hat der Inhaber besagter Facebook-Präsenz meine Fragen an Rosi gelöscht. Es könnte ja ein(e) Besucher(in) über meine Fragen nachdenken und daraufhin zu der Erkenntnis gelangen, dass das für Homöopathika verbrannte Geld besser für etwas anderes ausgegeben wird.


Abschließend folgen noch einige Fakten und rhetorische Fragen. Beide sollen zum Nachdenken und zum Hinterfragen anregen. Mehr nicht.

Fakten:

  • Samuel Hahnemanns einziges Experiment (Chinarinden-Selbstversuch im Jahr 1790), das ihn auf die Idee des Simileprinzips, der verstimmten geistigen Lebenskraft und der vermeintlichen Wirkung von Homöopathika brachte, konnte nie erfolgreich reproduziert werden.
  • Die von Hahnemann postulierte geistartige Energie, die den Globuli innewohne, kann bis heute keiner erklären, geschweige denn beweisen.
  • Würde Homöopathie wirken, widerspräche das einer Reihe von anerkannten und bisher nicht einmal im Ansatz infrage gestellten Naturgesetzen!
  • Gemäß Hahnemanns Vorstellungen dürften Homöopathika nur nach ausführlicher Anamnese durch ausgebildete Spezialisten verordnet werden.
  • Bis auf wenige Ausnahmen widerspricht auch vieles andere der zeitgenössischen Homöopathie den Vorschriften Hahnemanns (u.a. der Einsatz von Komplexmitteln, Selbstmedikation, die freie Verkäuflichkeit, die prophylaktische Einnahme etc.).
  • Homöopathika werden nur aufgrund des Binnenkonsenes (s.o.), nicht aufgrund von Wirkung in Experimenten mit medizinischen Standards zugelassen.
  • Homöopathie hat nicht zu tun mit Naturheilkunde.
  • Dank Lobbyarbeit werden Homöopathika nur in Apotheken und nur unter lateinischem Namen verkauft.


Fragen:

  • Woher weiß das Verdünnungsmittel, welche Stoffe „potenziert“ werden sollen?:
  1.    Für Apis mellifica werden bspw. ganze Bienen eingesetzt
  2.    Sämtliche Lösungsmittel (Wasser wie Alkohole) enthalten geringe Verunreinigungen, die ab einem
       gewissen Verdünnungsgrad in höherer Konzentration vorliegen als die aus der eingesetzten Ursubstanz
  • Wie wahrscheinlich ist bei Homöopathie-Anwendern ein sogenannter Confirmation bias (Konzentration der eigenen Gedanken auf die Bestätigung der Annahme) oder gar ein Mybias (Der Wunsch, dass die eigene Annahme wahr sei)?
  • Wie wäre eine Unbefindlichkeit/Krankheit ohne die Einnahme von Homöopathika verlaufen?
  • Wo könnte sich der „Post-hoc-ergo-propter-hoc“-Irrtum eingeschlichen haben, d.h. wo gibt es gar nicht den vermuteten kausalen Zusammenhang zwischen eingenommenem Stoff und einer sich ändernden Befindlichkeit?
  • Was ist davon zu halten, wenn sachliche Nachfragen in einem (Facebook-)Forum nicht beantwortet, sondern gelöscht werden?


Herzlichst
Ihr
Boris Springer

PS: Unten haben Sie die Möglichkeit, Ihre Meinung zu dieser Kolumne zu äußern. Ich freue mich auf Ihre Beiträge.

Bild: Globuli
Bildquelle: Dr. Leonora Schwarz / pixelio.de
www.pixelio.de

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Raucherentwöhnung mit Homöopathie

12.01.2021 von Boris Springer

Ein Jahresanfang ist traditionell mit guten Vorsätzen verbunden. Auch wenn jeder andere Tag des Jahres genau so gut geeignet ist, Sinnvolles zu tun, ist der Jahreswechsel besonders beliebt. Mehr Sport treiben, gesünder leben, abnehmen und mit dem Rauchen aufhören sind die bevorzugten ...

Weiterlesen …

Neujahr – Na und?

01.01.2021 von Boris Springer

Nun ist es da, das Jahr 2021, das alle so sehr herbeigesehnt haben. Die Sonne ist aufgegangen, trübe blinzelt sie zwischen Wolken hervor. Die eine dankt der Schöpfung für diesen Tag voller Liebe, der andere überlegt, wie er mit seinem restalkoholisierten Körper es wohl schaffen wird, die spärlichen Reste des erfreulich kleinen Feuerwerks ...

Weiterlesen …

Kater, Stallone oder letzter Tag des Jahres? – Ich kaufe ein i

31.12.2020 von Boris Springer

Ja, es schon eine Krux mit der Rechtschreibung. Die einen hassen sie, einige lieben sie, anderen ist sie schnurzpiepegal. Während sich manche Schüler über Diktate freu(t)en, sind und waren diese vielen anderen verhasst.

Immerhin lässt sich feststellen, dass wir in einer Gesellschaft leben, ...

Weiterlesen …