Eine Frage der Einstellung

27.12.2020 von Boris Springer

„Ich habe mir vorgenommen, unsterblich zu sein. Bisher hat es funktioniert!“ ist ein flapsiger Spruch, der – auch vom Verfasser – gerne genommen wird, wenn es um den eigenen Tod geht. Wer kann, wer mag sich das schon vorstellen: zu sterben und dann „einfach weg“ zu sein?

Und da bisher noch keine(r) nachweislich wiedergekommen ist, bleibt es eine Frage des (nicht nur religiösen) Glaubens, was nach dem Tod ist. Für die Phänomene, die Menschen beschreiben, die fast tot oder scheintot waren, gibt es medizinische bzw. biologische Erklärungen. Es bleibt also im Unklaren, ob sich vor den Sterbenden tatsächlich ein weißes Licht auftut, ob man Frieden findet oder ob das alles biologische Vorgänge sind, die dem Gehirn genau das – z.B. wegen Sauerstoffmangel – vorspielen und an die sich einige Scheintote erinnern können.

Auch bleibt die Frage ungeklärt, ob „etwas“ von uns weiterlebt, was über die tatsächlichen Hinterlassenschaften hinausgeht. Was wir sicher vererben, sind zunächst die allgemein als Erbe bezeichneten Werte: Geld, Gegenstände, Anteile, Rechte etc., über die sich Erben freuen – oder auch nicht. Des Weiteren werden viele von besonderen Menschen hervorgebrachte Werte – wie Kunst und Wissen – erhalten bleiben und die natürliche Lebenszeit der Erschaffer überdauern. Ob das bei Youtubern – oder auch Kolumnisten … :-) –, deren Inhalte nach heutigem Stand nicht so ohne Weiteres aus dem Internet zu löschen sind, immer erstrebenswert ist, mag dahingestellt sein. Jede(r) Betrachter/in hat da sicherlich eine eigene Sichtweise, was ja z.B. Kunst häufig erst ausmacht. Als letztes seien noch die bleibenden Erinnerungen an eine(n) Verstorbene(n) angeführt, die in den Köpfen und Herzen der Zeitgenossen verbleiben. Nimmt man tradierte Geschichten aus (Wer kennt nicht Geschichten der eigenen Urgroßeltern, die man nie persönlich kennengelernt hat?), so sterben die Erinnerungen an unsere Person mit dem Tod unserer Zeitgenossen aus und wir sind ein für alle Male vergessen.

Dann gibt es noch die Frage nach der Seele und einer möglichen Wiedergeburt. Sie taucht erst mit dem (selbst-reflektierenden) Menschen auf. Keinem Tier, keiner Pflanze konnten bisher Gedanken über das eigene Leben und den eigenen Tod nachgewiesen werden. Sollte es uns Menschen, die wir erst seit einer Zeit existieren, die im ca. 14,5 Mrd. Jahre alten Universum nicht einmal einen Wimpernschlag darstellt, tatsächlich vergönnt sein, zumindest mit einem immateriellen Teil, einer „Seele“ weiterzuleben? Oder ist das schlicht eine Phantasie des arroganten Homo sapiens, der meint, etwas Besonderes zu sein? Schließlich wird mit nicht unmaßgeblicher Energie und unter Androhung sowie Ausübung von Gewalt gegenüber Andersdenkenden behauptet, wir seien die Krone der Schöpfung: Die Sonne drehe sich um die Erde, ja, selbst das Sonnensystem habe die Erde als Zentrum auserkoren. Für die Behauptung „vieler Welten“ landete bspw. Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen.

Tatsächlich ist auch die Frage nach einer – ggf. unsterblichen – Seele eine Frage des Glaubens. Und der Einstellung. Wer will schon gerne für „immer“ (und das ist ziemlich lang!) weg sein? Also wurden zur Ermutigung von Menschen Unsterblichkeit und Wiedergeburt erfunden, ohne dass es dafür Beweise gab oder gibt. Für Sterbende wie auch für Hinterbliebene mag es ein Trost sein, sich auf ein Wiedersehen im Jenseits zu freuen. Wobei auch bei diesem Gedankenkonstrukt (mindestens) zwei wichtige Fragen unbeantwortet bleiben: Wo treffen wir uns wieder? und Wen treffen wir wieder? Auch wenn beide wohl unbeantwortet bleiben werden, ist erstere doch mit einer größeren Wahrscheinlichkeit zu beantworten. Bevor „wir“ Papst wurden gab es noch drei Möglichkeiten, seit Abschaffung der Vorhölle durch Papst Benedikt XVI. (was der alles kann!) bleiben nur noch Himmel und Hölle übrig. Eine Wahrscheinlichkeit des Wiedersehens von immerhin 50 Prozent. Doch wen treffen wir alles wieder? Die engsten Verwandten? Den Ur-Ur-Ur-Ur-Opa? Freunde? Den fiesen Chef? Unsere Haustiere? Alle Läuse, die wir im Vorgarten gekillt haben? Sie sehen, es bleibt viel Raum für Spekulation.

Immerhin besteht auch die Möglichkeit, dass wir mit unserem Tod einfach nur „weg“ sind. Dass mit dem physischen Tod auch alles Nicht-Materielle stirbt: Gedanken, eigene Erinnerungen, Schmerzempfindung, Freude etc. So wie es allem Anschein nach – die potentiell unsterblichen Einzeller seien dabei außen vor gelassen – allen Lebewesen geht. Ohne Seele, ohne Wiedergeburt. Es läuft einfach „nur“ die Lebensuhr ab, danach ist „Schicht“.

Fakt ist, dass sich nahezu alle Menschen irgendwann mit ihrem eigenen Tod befassen und sich nach dem „Danach“ fragen. Spannend ist, dass sich kaum jemand nach der Zeit vor der eigenen Geburt fragt. Auch da gab es immerhin mehr als 14 Mrd. Jahre, in denen wir nicht „da“ waren! Warum nicht? Was war vor meiner Geburt? Das scheint keine(n) zu interessieren, jedenfalls finden sich darüber nahezu keine Gedanken. Für die Zeit nach uns sieht das bekanntlich anders aus.

Verlassen wir nun jegliche Spekulation und wenden uns der unumstößlichen Tatsache zu, dass wir alle sterben werden. Art und Zeitpunkt sind unbekannt, nur wer selber Hand anlegt oder sich kurz vor dem Lebensende befindet, kann das beantworten. Wie eingangs gesagt fehlt meist die Phantasie, sich „einfach“ wegzudenken. Was bedeutet das für meine Familie, was für meine Freunde, was für alle anderen, die mich kannten? Was es für uns selbst bedeuten könnte, haben wir uns oben angesehen.
Dabei ist es nur zweitrangig, wie es nach unserem Ableben weitergeht. Wir sind tot und dann bei allem außen vor. Es leiden die uns wohlgesonnenen Zeitgenossen. Der Tag wird früher oder später kommen, wir versuchen ihn herauszuzögern, endlos wird uns das nicht gelingen. Vorrangig ist tatsächlich, was wir bis dahin machen und – um beim Thema zu bleiben – wie wir uns auf den eigenen Tod vorbereiten. Denn das erleben wir nicht nur bewusst mit, das können wir sogar selber steuern.

Der Blick auf den eigenen Tod ist sicherlich eine Frage der Einstellung. Und: Rechne ich damit? Wann wird es sein? Wie wird es sein? Wird es schmerzhaft sein? Je jünger Menschen sind, umso weniger relevant sind diese Fragen – weil der Tod weiter weg ist. Gesunde junge Menschen beschäftigen sich nur dann mit dem Thema Tod, wenn er Teil ihres persönlichen Umfeldes wird. Sei es eine pflegerische oder medizinische Ausbildung, sei es die Bestatter-Lehre, seien es Todesfälle im persönlichen nächsten Umfeld. Dann ist der Tod so lange Thema, wie das Ereignis akut ist.

Mit fortschreitendem Alter ändert sich die Einstellung. Hat man sich als Kind oder Jugendlicher über die „komischen“ Ansichten der Großeltern zum Tod gewundert, so sieht es beim Ableben der eigenen Eltern schon anders aus: Wir sind älter und der Tod ist näher gekommen. Auch wenn Freunde in jungen Jahren unfall- oder krankheitsbedingt versterben, ist Freund Hein zeitweise präsent. Aber eben nicht dauerhaft.
Schleichend erhöht sich von Jahr zu Jahr die Frequenz der Zusammentreffen mit dem Sensenmann. Waren es im Kindesalter zuerst die Urgroßeltern, dann die Großeltern, so sind es irgendwann die eigenen Eltern, die sterben. Dann hier eine Tante, dort ein Onkel und Jahr für Jahr rutscht man bei den Trauerfeiern weiter nach vorne.

Und auch dann ist der Tod – zumindest in unserer Gesellschaft – immer noch ein Tabu-Thema. Darüber wird nicht gesprochen, wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand und im Flüsterton. Fragen Sie doch mal ihre Zeitgenossen, was sie über ihren jeweils eigenen Tod denken? Erwarten Sie eine überlegte, klare Antwort oder doch eher eine verschämt-verlegene? Und schon sind wir wieder bei der eigenen Einstellung und den Fragen, wie wir unsere (verbleibende) Lebenszeit nutzen wollen und wie wir unseren Tod sehen. Wie schon gesagt ist und bleibt Fakt, dass wir sterben werden. Was wir hingegen zu Lebzeiten wählen können, sind sowohl unsere Einstellung, unser Verhalten wie auch unsere Vorbereitung auf den eigenen Tod. Wer sich mit dem Thema Sterben und Tod auseinandersetzt (zuerst allgemein und dann im Speziellen), ist – in jedem (Todes-)Fall) – besser vorbereitet und kann der Realität besser und etwas gelassener ins Auge blicken, als wenn die Themen lebenslang verdrängt werden und wir von einem Todesfall auf den Boden der Tatsachen geholt werden.

Ja, einiges geht „von selber“. Mit dem Alter ändert sich die Einstellung aus den oben genannten Gründen. Hilfreich ist gleichwohl die aktive Beschäftigung mit dem Thema – auch ohne Not. Denn erst wenn wir wirklich erkennen, dass der Tod zu unserem Leben dazugehört, dass Schmerz, Verzweiflung und Trauer Bestandteile unseres Lebens sind und dass sie die notwendigen Gegenpole zu Freude, Hoffnung und Liebe bilden, können wir mit einiger Gelassenheit über unseren eigenen Tod nachdenken und die bis dahin verbleibende Zeit mit Sinnvollem und Wertschätzendem füllen.

Herzlichst
Ihr
Boris Springer

PS: Unten haben Sie die Möglichkeit, Ihre Meinung zu dieser Kolumne zu äußern. Ich freue mich auf Ihre Beiträge.

Bild: Trauerkarte: Das Licht der Ewigkeit
Bildquelle: berggeist007 / pixelio.de
www.pixelio.de

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