Neujahr – Na und?

01.01.2021 von Boris Springer

Nun ist es da, das Jahr 2021, das alle so sehr herbeigesehnt haben. Die Sonne ist aufgegangen, trübe blinzelt sie zwischen Wolken hervor. Die eine dankt der Schöpfung für diesen Tag voller Liebe, der andere überlegt, wie er mit seinem restalkoholisierten Körper es wohl schaffen wird, die spärlichen Reste des erfreulich kleinen Feuerwerks von der Straße zu fegen.

Im doppelten Wortsinn nüchtern betrachtet ist – bis auf menschengemachte Regeln wie neue Gesetze und Vorschriften – nichts anders als gestern. Die Natur ist schlicht einen Tag weiter in ihrem Lauf durch die Jahreszeiten. Der von uns erfundene Wechsel eines Abschnitts hat die Winterruhe der Pflanzen nicht verändert und die Wildtiere haben wieder Hunger, wie gestern auch.

Wir Menschen haben uns eine Orientierungshilfe durch das Jahr gegeben, die zunächst auf dem Umlauf der Sonne um die Erde basierte. Zumindest so lange, bis einige weniger Arrogante erkannt haben (und dafür einen hohen Preis bezahlen mussten), dass wir weder die Krone der Schöpfung, noch das Zentrum des Universums, ja nicht einmal des Sonnensystems sind. Jetzt richtet sich unser Kalenderjahr nach dem Umlauf der Erde um die Sonne und gezwölftelt nach dem des Mondes um unseren Heimatplaneten. Und unser Tag wird bestimmt durch die Rotation der Erde um die eigene Achse.

Diese Zeiteinteilung, aus der die Verfeinerung in Stunden, Minuten und Sekunden hervorging, die besonders im digitalen Zeitalter so eminent wichtig ist, ist nicht mehr als eine gedankliche Krücke für die Organisation unseres Lebens. Kein anderes Lebewesen ist darauf angewiesen. Sie alle kommen mit ihren natürlichen Errungenschaften aus, die ihnen die Evolution mitgegeben hat: Sie „wissen“ um den Jahreslauf, den sie u.a. über Temperatur und Tageslichtlänge verfolgen und haben ihre zirkadiane Uhr, die sie durch den Tag leitet.
Letztere ist auch uns erhalten geblieben, was jene merken, die – wie z.B. Nachtschicht-Arbeiter – in einem anderen Rhythmus leben oder die am Wochenende ausschlafen wollen und trotzdem – wie arbeitstäglich – um 06:00 Uhr aufwachen.

Warum haben dann alle insbesondere diesen Jahreswechsel so sehr herbeigesehnt? Warum sollte sich bspw. das Corona-Virus für eine geänderte Zahl auf unseren Kalenderblättern interessieren? Heute sind wir – mit allem – schlicht einen Tag weiter als gestern. Ob wir das wollen oder nicht sind wir einen Tag älter geworden, die Natur ist einen Tag im Jahreslauf weiter als gestern. Medizinisches und Pflegepersonal arbeitet am 1.1. genauso hart an der Rettung von Menschenleben wie am 31.12. Unsere Kosten sind im Januar die gleichen wie im Dezember. Krankheiten schreiten bei einigen genauso voran wie Genesungen bei anderen. Nur weil ein neues Jahr begonnen hat, werden die sogenannten Querdenker (von einigen nicht zu Unrecht Leerdenker genannt) sich doch nicht an Fakten orientieren, sondern weiter die skurrilen, phantasiereichen und unbelegbaren Ideen ihrer Idole verfolgen. Freuen werden sich höchstens – wie zu Beginn eines jeden Jahres – Anbieter von Sportgeräten wie Ergometern oder Laufbändern, auch wenn deren Nutzung wieder einmal nicht von Dauer sein wird.

Warum also dieser Hype um das neue Jahr, um die angebliche neue Zeit, die uns die Corona-Impfung bringen soll? Unzweifelhaft ist sie sinnvoll und notwendig, hat aber mit dem Jahreswechsel nicht das geringste zu tun. Auch im Jahr 2021 werden viele von uns liebgewonnene Menschen verlieren, die mal jung, mal alt waren, die erkrankten oder Unfällen zum Opfer fielen. Gleichzeitig werden auch neue Erdenbürger geboren. Es wird sensationelle Erfindungen und auch „Helden“ geben, Idioten ebenso. Unerklärliche Dinge werden passieren, Katastrophen werden über manche hereinbrechen. Einige werden im Lotto gewinnen, die Liebe ihres Lebens kennenlernen oder ihren Traumjob finden. Alles so, wie es schon immer war. Aber ohne jeglichen Zusammenhang mit dem neuen Kalenderjahr.

Warum ist es für uns alle dennoch so wichtig, diesen Rahmen zu haben? Benötigen wir diese Einschnitte, um uns zwischendurch mal den Mund abzuputzen, alles durchzufegen, um dann neu loszulegen? Wenn ja, warum geht es dann ab morgigen Samstag, spätestens am kommenden Montag, dem 4. Januar schon wieder weiter wie immer? Wir alle gehen wieder dem nach, was wir schon vor den sogenannten besinnlichen Tagen gemacht haben. Eventuell vorhandener Optimismus, der sich nur aus der neuen Jahreszahl ableitet, weicht der Realität. Und das, was passiert, findet Eingang in einen anderen Jahresrückblick – mehr aber auch nicht.

Nichts ist wirklich anders an diesem Neujahrstag – sofern wir uns nicht ändern. Das ist die Herausforderung! Nicht ein Übergang in einen neuen menschengemachten Zeitabschnitt bringt wirklich etwas Neues, statt dessen liegt es an uns. An jedem von uns, an unserem Denken und an unserem Handeln. Für eine positive Haltung, für Engagement, für gute Ideen, für Innovationen, Hilfsbereitschaft, Wertschätzung und vieles mehr ist der 1. Januar genauso geeignet wie jeder andere Tag des Jahres. Dazu braucht es eine positive Haltung und eine motivierende Einstellung, losgelöst vom Jahreswechsel. Ohne langfristig und nachhaltig positives Denken wird uns der Neujahrskater, von einigen auch „Innerer Schweinehund“ genannt, spätestens am kommenden Montag einfangen und lähmen.

Auch wenn sich – wie oben festgestellt – nicht wirklich etwas durch den Wechsel von 2020 zu 2021 geändert hat, liegt es an jedem von uns, den Schwung, den uns das neue Jahr mitgegeben hat, zu nutzen und dem eigenen Leben Sinn zu geben, Gutes zu tun und die eigene Haltung zu überprüfen. Und zwar täglich, vom 1.1. bis 31.12.

Herzlichst
Ihr
Boris Springer

PS: Unten haben Sie die Möglichkeit, Ihre Meinung zu dieser Kolumne zu äußern. Ich freue mich auf Ihre Beiträge.

Bild: Glück haben
Bildquelle: M. Großmann / pixelio.de
www.pixelio.de

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